Jahrestagung:
„Johannes Calvin (1509–1564) und die ‚zweite Reformation’ zwischen
Heidelberg, Herborn und Kassel“ aus Anlass des 500. Geburtstages des
Reformators am 18. und 19. September 2009 in der Hohen Schule in Herborn
Gut
zwei Monate nach den offiziellen Feierlichkeiten zum 500.Geburtstag des
Reformators Jean Calvin (geb. 10. Juli 1509) in Genf, Frankreich
und den Niederlanden – sowie einer großen wissenschaftlichen Tagung in
Mainz in der Verantwortung des Instituts für Europäische Geschichte – trafen
sich etwa 30 Interessierte in der alten Aula der Hohen Schule in Herborn, um der
regionalen Bedeutung Calvins und
seiner Schüler nachzuspüren.
Nach
Grußworten des Ersten Stadtrats von Herborn Rainer
Nöllge sowie des Propstes für
Nord-Nassau Pfarrer Michael Karg, beleuchtete im ersten Vortrag das
Ehrenmitglied der HKV Prof. Dr. Herbert
Kemler aus Lohfelden das Wirken des
Landgrafen Moritz von Hessen bei der Einführung des Calvinismus in
Hessen-Kassel. Dabei stellte er die Calvinisierung Hessen-Kassels durch den
Landgrafen als politische Reaktion auf die Rekatholisierungsversuche dar. Hessen
war von den Diözesen Mainz, Fulda und Paderborn gleichermaßen bedroht. Da
brauchte es eine Alternative vor allem der Gebildeten gegenüber den Jesuiten.
Die Hohen Schulen, die außer in Herborn auch z. B. in Hanau und andernorts
nach 1580 entstanden, stellten ein geeignetes Mittel dar, „für die Erhaltung
des Wortes Gottes im Lande zu sorgen“. Ähnlich wie auf katholischer Seite, an
den Jesuitenkollegs, kamen hier bedeutende Gelehrte zusammen und konnte der
Nachwuchs im Sinne der calvinischen Lehre herangebildet werden.
Prof.
Dr. Armin
Kohnle, Lehrstuhlinhaber in
Leipzig, der eine „Kleine
Geschichte der Kurpfalz“ herausgeben hat und sich schon wegen seiner
biographischen Wurzeln viel mit dem sehr zersplitterten Gebiet am nördlichen
Oberrhein und in der Oberpfalz beschäftigt hat, widmete sich Kurfürst Friedrich III. und der Einführung des Calvinismus in der
Pfalz. Friedrich, aus der Linie
Pfalz-Simmern stammend, wandte sich früh der Theologie reformierter Prägung
zu. Schon unter der Herrschaft seines
Vorgängers Ottheinrich, der als entschiedener Lutheraner „mit der Zeyt“
ging, war die Heidelberger Universität evangelisch geworden. In Friedrichs Regierungszeit (1559–1576) wurde aus dieser
Hochschule jedoch ein drittes Genf, wofür der bedeutende Heidelberger
Katechismus bis heute ein unübersehbares Zeugnis ist. Dieser reformierte
Katechismus wurde 1563 verfasst von Zacharias Ursinus unter Mitarbeit von dem
aus Trier stammenden und in Herborn verstorbenen Caspar Olevian, einem direkten
Schüler Calvins. Der Anteil des Kurfürsten selbst am Katechismus wird heute
gegenüber früheren Forschungen als eher gering angesehen. Der Widerstand gegen
alles Katholische findet in der 80. Frage des Katechismus seinen Höhepunkt, wo
die Messe als „vermaledeite Abgötterei“ verurteilt wird. Dagegen werden die
Sakramente allein als „Wahrzeichen“ (Frage 78) angesehen. Die Prädestinationslehre,
die heute als reformiertes Proprium überbetont wird, spielte
für Friedrich keine entscheidende Rolle.
Im
Blick auf die Kirchenordnung vertrat der Kurfürst eine Mischform der
calvinischen Organisation von unten einerseits und einer Ausübung der Kontrolle
durch den Landesherrn andererseits. Auch in Fragen der reformierten Kirchenzucht
behielt sich Friedrich III. gegenüber Calvins Intention das Recht der Regelung
vor. In der Diskussion betonte Kohnle, dass für Friedrich konfessionelle
Interessen über den politischen standen, sonst hätte er nicht machtpolitisch
derart „irrational“ handeln können. Von daher wurde ihm zu Recht der
Beiname „der Fromme“ verliehen.
Wieder
zurück in das Gebiet der HKV führte
der Vortrag von Prof. Dr. Wolf-Friedrich Schäufele, Lehrstuhlinhaber in Marburg,
über Johannes Calvin und die Frankfurter Flüchtlingsgemeinden.
Daraus ging hervor, dass Calvin die Freie Reichsstadt zweimal besucht
hat (1539 und 1556). 1539 war die Stadt zwar schon evangelisch, aber noch nicht
auf „Wittenberger Linie“, sondern sie neigte eher dem
Schweizerisch-Oberdeutschen zu. 1542 kam es immerhin unter dem Einfluss Martin
Bucers zur Frankfurter Konkordie. Erst später bekam die Stadt ein strenges
lutherisches Regiment.
Dennoch
konnten 1554/55 drei reformierte Flüchtlingsgemeinden in der Stadt Aufnahme
finden: eine wallonische Gemeinde, zu der vor allem Textilhandwerker gehörten,
eine flämische und eine englische reformierte Gemeinde. Calvin
widmete seinen Evangelienkommentar dem Frankfurter Rat und bot an, zu einem
Religionsgespräch nach Frankfurt zu kommen. Dazu kam es jedoch nicht, jedoch
war er 1556 im September noch einmal für 14 Tage in der Freien Reichsstadt
Frankfurt, um in den Gemeinden Streitigkeiten zu klären.
Dass 1561 der reformierte Gottesdienst in Frankfurt verboten wurde, lag nach Schäufele nicht an Calvin, sondern an den viel extremeren Persönlichkeiten wie Johannes a Lasco, John Knox, dem späteren Reformator Schottlands, sowie Richard Cox, die alle eine Zeitlang in Frankfurt gemeindeleitend tätig waren. Nach dem Verbot wanderten viele in die Kurpfalz (s.o.) aus (Frankenthal), oder sie gingen in die reformierte Kirche nach Bockenheim in der nahen Grafschaft Hanau. Die Kasualien jedoch mussten bei den Lutheranern vollzogen werden. Calvin riet dabei zu einem deutlichen reformierten Bekenntnis oder aber zum Exil, falls die Menschen sich dies beruflich erlauben könnten. Damit mischte er sich jedoch stärker ein, als ihm von seiner Gemeindetheologie und seinem Freiheitsideal her statthaft gewesen sein dürfte. Es wurde durch die Diskussion deutlich, welch wichtige Drehscheibe und Logistikzentrale des „Refuge“ des 17. Jahrhunderts gerade Frankfurt gewesen ist. Erst 1786 wurde dort offiziell wieder der reformierte Gottesdienst geduldet.
Bei
einer kleinen Feier mit Umtrunk im Hof der Hohen Schule zum 60.
Geburtstag der HKV konnte Oberkirchenrat
i. R. Prof. Dr. Karl Dienst als „Fast-Zeitzeuge“ von den Gründerjahren
berichten.
Darauf
folgte der Abendvortrag über die
Herborner calvinistische Theologie und Jurisprudenz, glänzend und lebendig dargeboten von Prof. Dr. Gerhard Menk,
der sich schon seit 1971 mit der
Hohen Schule beschäftigt und demnächst seinen Aufsatzband „Zwischen Kanzel
und Katheder“ über die Professoren in Herborn vorlegen wird. Für Menk haben
Leiden und Herborn (die „Nassauische Akademie“, ab Sommer 1584) den gleichen
Gründungsimpetus der zweiten Reformation und des intellektuellen Bollwerks
gegen die Rekatholisierung (Jesuitenkollegs). Menk stellte neben vielen Details
besonders heraus, dass die Verbindungen zwischen Zürich und Herborn enger waren
als zwischen Genf und Herborn. Das „Limmat-Athen“ und das „Dill-Athen“
korrespondierten miteinander, wohl gerade weil sie nicht zu den großen
Universitätszentren gehörten. Viele Zürcher Pfarrer waren ein Jahr lang zum
Studium in Herborn. Dadurch konnte z. B. die wichtige reformierte Föderaltheologie
über Olevian schon früher in Zürich Fuß fassen als erst durch die
Vermittlung von Coccejus. Im Begriff des foedus
(Bund) lag außerdem eine enge Verbindung zur Jurisprudenz und den
entsprechenden Herborner Juristen wie Althusius und anderen. Viele Lehrkräfte
aus Herborn waren später an anderen Hohen Schulen bis hin nach Bremen oder Siebenbürgen
tätig.
Der
Vormittagsvortrag nach der Mitgliederversammlung am Samstag wurde von Herrn Pfarrer Dr. Volker Ortmann aus Gießen gehalten. Er ging sehr
sachkundig auf Calvins Mitwirkung bei den
Religionsgesprächen in Worms und Regensburg 1540/41
ein. Ortmann, der bei Karl-Heinz zur Mühlen in Bonn über Bucers Tätigkeit
bei den Religionsgesprächen promoviert hat, zeigte, dass man gegenüber Karl
Barths Diktum vom Versagen der Vermittlungsversuche Calvins seinen Einfluss nach
erneuter Sichtung der zugänglichen Quellen doch wieder höher bewerten muss.
Calvin hat sich selbst von Genf aus für
die Entwicklung in Deutschland eingesetzt und die Arbeit nicht allein seinen Schülern
und Weggenossen überlassen. Die Deutschen haben Calvin mehr zu verdanken als
man bisher angenommen hat. Von daher hätte man ihn auch noch stärker in
Deutschland feiern und auf Spurensuche gehen können. Die HKV hat dazu
jedenfalls in Herborn ihren Beitrag geleistet. Die, die verhindert waren, können
sich jedoch auf das Jahrbuch 2010 freuen, in dem die Vorträge nachzulesen sein
werden.
Die
Tagung endete mit einer sehr interessanten und ausführlichen Stadtführung
durch den Stadtarchivar Rüdiger Störkel.
Es zeigte sich eindrücklich: Herborn ist – nicht nur für Theologen - eine
Reise wert.
Friedhelm Ackva, Mainz