Jahrestagung 2011 zum Jahresthema Taufe der EKD-Lutherdekade

„Taufe – Bindung und Freiheit. Zu Geschichte und Bedeutung der Taufe“

23./24.9.11 in der Lutherkirche in Wiesbaden

Die Versammlung mit etwa 30 Personen wurde am Freitag um 15 Uhr im Luthersaal durch einen der Gemeinde pfarrer, Volkmar Thedens-Jekel, herzlich begrüßt. Er berichtete vom Jubiläumsjahr ‚100 Jahre Lutherkirche Wiesbaden’ und dem gerade veranstalteten Abend mit der Zeitzeugin Prof. Christa Reich über die Zeit des „Dritten Reiches“. Sie war damals Gemeinde glied der Luthergemeinde. Für die historisch Interessierten war es leider keine Überraschung, dass auch in der Gemeindechronik der Lutherkirche die Seiten über die Zeit des Nationalsozialismus fehlen. Der besondere Taufstein am Eingang der Kirche, der auch den Einladungsflyer zur Tagung zierte, sei der angemessene Hintergrund für eine Tagung zur Taufe, so der Gemeindepfarrer.

Der Präses der Synode der EKHN, Dr. Ulrich Oelschläger, war kurzfristig für den verhinderten Kirchenpräsidenten Dr. Jung mit einem Grußwort eingesprungen und dankte der HKV, dass sie die Geschichte des Kirchenkampfes aufarbeite, zumal die Zeitzeugen allmählich verschwinden würden. Er regte an, 2013 ihre Tagung in Worms zum Thema der Reformation zu veranstalten.

PD Pfr. Dr. Michael Heymel, der im Zentralarchiv der EKHN tätig ist und kürzlich Martin Niemöllers Dahlemer Predigten ediert hat, referierte zur Geschichte der Taufe im hessischen Raum. Er gab einen anregenden „Streifzug“ durch die wechselhafte Geschichte der Taufe gerade im geschichtsträchtigen hessischen Raum von Bonifatius über die Ziegenhainer Zuchtordnung (1539) sowie die Große Hessische Kirchenordnung (1560) bis hin zum immerwährenden Streit um die Kindertaufe in der Gegenwart. Taufe ist für Heymel stets das Symbol der „Freiheit eines Christenmenschen“, wobei Freiheit für Luther ein dialektischer Begriff sei und immer auch die Bindung beinhalte, wie es der Titel der Tagung korrekt ausdrücke. Legte die Große Hessische Kirchenordnung Wert darauf, dass die Taufe vor der ganzen Gemeinde vollzogen wurde, so bürgerte sich im 18. Jahrhundert die Haustaufe ein; dadurch  reduzierte sich die Taufe zu einem reinen Familienfest. In seinen Ausführungen ging Heymel auch auf die aufgeklärte Kritik an der Erbsündenlehre ein.  Für Goethe z.B. war die Erbsündenlehre nicht akzeptabel. Als er das lutherische Frankfurt verließ, löste er u.a. wegen dieser Lehre die Verbindung zur lutherischen Kirche. Heymel deutete mit der Formulierung „Sich zu der Sünde der Väter verhalten“ eine moderne Fassung der Erbsündenlehre an, der eine „Absage an das Böse“ in der Taufliturgie entspricht, und interpretierte Taufe als „Freiheit von der Erbsünde“. Die Kindertaufe gewinne – so der Praktische Theologe – auch in der EKHN bedauerlicherweise mehr und mehr den Charakter einer reinen Kindersegnung (so schon Josuttis).

Heymel schloss mit der Frage: Was kann in der Kirche geschehen im Blick auf die Taufe? Er empfahl Taufkurse für Erwachsene, Taufeltern- und Paten-Seminare sowie besondere Formen des Taufgedächtnisses.   

Dr. Klaus vom Orde, Spenerforscher und -herausgeber von der Forschungsstelle in Halle beschäftigte sich quellenkundig mit Speners Auffassung von Taufe, Wiedergeburt und Konfirmation. Grundlagen aus der fast unüberschaubaren Fülle seiner Schriften („noch mehr als bei Luther“) waren dessen Frankfurter Denkmal von 1686 und seine Evangelische Glaubenslehre von 1688 aus der Dresdener Zeit. Vom Orde stellte die Frage in den Raum: Wiedergeburt, Erneuerung, Bekehrung – was ist das Wichtigste bei Spener? Entgegen heutiger Anschauungen aus dem neupietistischen Umfeld hatte für Spener die Taufe durchaus etwas mit der Wiedergeburt zu tun. Spener wandte sich gegen ein Auseinanderfallen von äußerem und innerem Zeichen bei der Taufe. Die Wirkung der Taufe wird nicht erst Wirklichkeit, wenn man dazu steht, sondern sie hat schon eine heilsame Wirkung an sich. Es gehörte für Spener  immer zur Pflicht der Kirche, den Kindern das Recht auf Taufe zu gewähren. Die Kinder, die getauft werden, können für Spener auch schon Glauben haben.

Dagegen war für Spener die Konfirmation nicht unbedingt notwendig, jedoch verbunden mit dem ersten Abendmahlsgang. Zum hinführenden Unterricht gehörte das Auswendiglernen von Luthers Kleinem Katechismus. Die Konfirmation konnte in Frankfurt auch in Privathäusern geschehen und war nicht an ein bestimmtes Alter gebunden. Sie sollte „nicht ohne herzliche Bewegung“ geschehen.

Pfr. Dr. Reiner Braun aus Dautphetal, als Herausgeber des Jahrbuchs Vorstandmitglied der HKV, sprach am Abend zum Thema Taufe im Kirchenkampf.

Er machte deutlich, – unterstützt durch eine PowerPoint-Präsentation –, dass gerade die Taufe in der Zeit des Rassenwahns ein Symbol dafür war, dass die christliche Kirche keine Nationalreligion sein kann. Zum Verhältnis von Taufe und Jugendarbeit wies er mit Textbeispielen nicht nur darauf hin, dass die Ev. Jugendarbeit zurückgedrängt und „gleichgeschaltet“ wurde, sondern dass die Deutschen Christen schon 1933 den 450. Geburtstag Luthers geschickt für ihre Zwecke programmatisch instrumentalisiert haben. Dagegen hat z.B. die „Volksmission“ gewirkt und in „Evangelischen Wochen“ (etwa von Peter Brunner) immer wieder bei dem Thema Taufe eingesetzt. 

Aus dem neuen Buch von à Oliver Arnhold, Entjudung, 2 Bde, Berlin 2010 schöpfend, nannte Braun das Beispiel der „Weihe“ eines Kindes nach SS-Ritualen. Statt Wasser spielte dabei das Feuer eine besondere Rolle. Gegen solche Praktiken musste die christliche Taufe ein öffentlicher Bekenntnisakt bleiben. Dazu sollte sie auch wieder aus  dem privaten Umfeld der Familie heraus und in die Kirche zurück geführt werden. Es ging um eine öffentliche Demonstration, dass man Eigentum Jesu Christi ist. Jesaja 43,1 und Barmen II seien auch heute noch die besten Bollwerke gegen fremde Totalitätsansprüche, nicht nur gegenüber Jugendlichen.

Abschließend zog Braun als Gemeindepfarrer einige praktische Schlussfolgerungen: Dass nämlich – allem voran – die Taufe keine Familienangelegenheit allein sein dürfe. Zudem gehört es für ihn als Pfarrer im Hessischen Hinterland mit einem großen freikirchlichen Umfeld zum Akt des Bekenntnisses eines jeden Christen, auch bewusst seine Kinder zu taufen. Die Taufe sei ein Signal für die Einheit der Kirche über die Grenzen von Nationen und Konfessionen hinaus.

Leider musste am Freitag der Vortrag von Prof. Dr. Axel Denecke aus Hamburg über die Geistliche Gemeinschaft und weltliche Korporation entfallen. Dadurch blieb jedoch mehr Zeit für die anderen Vorträge, die Diskussion, die Begegnung der Teilnehmenden und die Betrachtung der sehenswerten und sehr informativen Wanderausstellung Taufe – Neugeburt aus dem Wasser des Lebens. Die 13 Tafeln wurden gemeinsam von den Zentralarchiven der EKHN (Dr. Heymel) und der Ev. Kirche der Pfalz erarbeitet und können dort bestellt und für die Gemeinde gebucht werden.  

Am Samstag referierte nach der Mitgliederversammlung der frühere Vorsitzende und das Ehrenmitglied der HKV, Prof. Dr. Herbert Kemler aus Kassel über den Streit mit den Täufern und der gelungene Abschluss in der Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung (1538/39). Er beschrieb kenntnisreich den Weg vom Homberger Landtag über die Schleitheimer Artikel, bei denen es um die Themen Taufe, Bann, Brechung des Brotes, Eid, und Schwert ging, bis hin zur Ziegenhainer (Kirchen-)Zuchtordnung. Kemler hob hervor, dass der Landgraf Philipp zwar die Lehre der Täufer ablehnte, aber einen hohen Respekt vor ihrer Lebensführung hatte. Auf die Vermittlungstätigkeit von Martin Bucer ging Kemler ausführlich ein. Bucer hatte unterstrichen, dass zwar nach evangelischer Überzeugung nicht das fromme Leben das Heil konstituiere, aber dass es auch nicht ohne Zucht und Ordnung gehe.

Als Vermittlungsakt zwischen Kindertaufe und Großtaufe wurde in Ziegenhain die Praxis der Konfirmation festgeschrieben. Sie kann zu Recht als ein hessisches „Geschenk an die Welt“ (so Bischof Dr. Martin Hein) angesehen werden. 2014 wäre der Zeitpunkt – nicht nur für die H KV – nach 475 Jahren dieses Geschenk erneut zu würdigen. Man darf darauf gespannt sein und sich noch mehr Interessierte wünschen.

Eine sachkundige Führung des ehemaligen Gemeindepfarrers Dr. Hermann-Otto Geißler durch die baugeschichtlich und architektonisch interessante 100-jährige Lutherkirche schloss die Tagung ab.

Pfr. Dr. Friedhelm Ackva, Mainz

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